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Berufstätige Mütter, gestresste Mütter?

Viele berufstätige Mütter kennen das Dilemma: Sind sie im Büro, haben sie das Gefühl, sie sollten eigentlich zuhause sein; sind sie zuhause, stellt sich das Gefühl ein, sie wären besser im Büro. Das nagende Schuldgefühl, nie am richtigen Ort zu sein, und die permanente Unzufriedenheit belasten das Zusammensein mit der Familie und die Produktivität. Was ist die wahre Ursache dieses Dilemmas und wie können Sie sich ohne Schuldgefühle sich immer da wohl fühlen, wo Sie gerade sind?

Zunächst eine neurobiologische Erklärung Ihres Dilemmas: Als berufstätige Mutter müssen Sie ergebnisorientiert funktionieren: Die Klassenarbeiten müssen rechtzeitig korrigiert sein – die Kundentermine erfolgreich zum Abschluss gebracht werden. Selbst wenn Ihre Anwesenheit erfasst wird – bezahlt werden Sie in der Regel nicht dafür, sondern für Ergebnisse bezahlt. Je höher die Position, umso stressiger die Anforderungen. Das hat zur Folge, dass sich Ihr gesamtes mental-emotionales System, inklusive Ihrer Hormone darauf einstellt. Sie laufen auf Hochtouren und schütten permanent Motivationshormone und Glücksbotenstoffe (Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Endorphin) aus. So sind Sie aufgeladen und voller Energie, was wiederum Ihr Glücksgefühl steigert, was wiederum mehr Energie auslöst, wodurch Sie mehr Motivationshormone ausschütten. Die Motvations-Tretmühle ist gestartet. Da sich Ihr Körper recht schnell an seine „Motivations-Dopingmittel“ gewöhnt, müssen Sie immer mehr, schneller und härter arbeiten, um sich genauso gut zu fühlen wie zuvor. Wenn Sie diese Tretmühle nicht zumindest zwischendurch anhalten, werden Sie Unruhezustände, Ängste und sogar Burnout erleben, denn durch eine permanente Ausschüttung wird aus der motivierenden Energie zerstörerischer Stress. Sie werden allerdings nur aussteigen, wenn Sie bewusst die Entscheidung treffen, sich zu entschleunigen.

Hier kommen nun Ihre Kinder ins Spiel des Lebens! Beim Zusammensein mit denen ist Ihre bloße Anwesenheit wichtig, nicht irgendwelche schnellen Ergebnisse. Wenn Sie die Zeit mit Ihren Kindern genießen und nicht noch gestresster durch deren Langsamkeit sein wollen, müssen Sie umschalten von ergebnisorientiert zu prozessorientiert. Die Vorstellung runterzuschalten wird sich für Sie zunächst anfühlen, als würde man von Ihnen verlangen, sich mit einem Sportwagen hinter einem Moped einzuordnen. Nicht überholen. Nicht ziehen. Nicht drängeln. Nicht hupen. Sie könnten wesentlich schneller sein und in kürzerer Zeit weiter kommen, müssen sich nun aber auf das Tempo eines Mopeds runterdrosseln? Genauso ist es mit Ihren Kindern. Sie können sie nicht beschleunigen. Sie brauchen die Zeit, die sie brauchen.

Was nun? Auch hier zunächst eine neurobiologische Erklärung. Um zu entschleunigen, brauchen Sie das Kuschelhormon Oxytocin, auch Bindungshormon genannt. Es reguliert den Blutdruck, senkt die Stresshormone und beruhigt Ihr gesamtes System. Sie sind weniger gereizt, zufriedener, ausgeglichener, liebevoller. Mit sich und anderen – also genau das, was Ihnen fehlt, wenn Sie zuhause sind[3] . Sie werden mit Ihren Kindern eine schöne Zeit haben, wenn Sie sich bewusst entscheiden, sich zu entschleunigen. Ihre Kinder helfen Ihnen dabei sogar. Denn Ihre Kinder wollen nur, dass Sie da sind (und etwas zu essen ☺). Sie wollen bei Ihnen spielen, nicht unbedingt mit Ihnen. Ihre Kinder wollen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, einen Context von Aufmerksamkeit, in dem sie sich entwickeln können. Nun rebelliert wahrscheinlich Ihr gesamtes dopaminsüchtiges System und schreit auf: Das kann doch nicht sein. Doch! Wenn Sie eine gute Zeit wollen, müssen sie raus aus der Tretmühle, das dauert etwas, ist aber möglich. Zum einen helfen Rituale: erstmal zusammen einen Kakao trinken, vorlesen, kuscheln, spazieren gehen, sich umziehen etc. Langsam wird sich Ihr System beruhigen.

Die nächste Möglichkeit wird Ihrem Tretmühlen-Antreiber überhaupt nicht gefallen: Stellen Sie Ihr Handy für zwei Stunden vollständig aus. Denn es treibt Ihren Dopaminspiegel permanent wieder hoch und Sie werden sich nie entschleunigen. So sehr Sie noch im Widerstand sind, glauben Sie uns, nach einiger Zeit stellt sich Ihr Hormonsystem wieder um und Sie werden die freie Zeit genießen. Handy aus – Stress raus – Liebe rein. Und was haben Sie davon, wenn Sie sich auf das Niveau der Kinder runterfahren? Wird man es Ihnen danken? Die Anerkennung dafür bekommen sie nicht in Form einer Medaille oder öffentlicher Anerkennung. Die Anerkennung liegt in der unermesslichen Liebe und vertrauensvollen Nähe zu Ihren Kindern und auch in Ihrem eigenen Wohlbefinden. Sie werden sich wieder über Kleinigkeiten des Lebens freuen, die Ansprüche des Funktionierens an sich und andere senken, werden wieder kreativer und gelassener, letztlich werden Sie mit Ihren Kindern einen Zustand von innerem Frieden erreichen, nach dem Sie sich sehnen und Sie werden sich immer dort richtig fühlen, wo Sie gerade sind.

 

 

Hier eine wahre Geschichte, in der Sie sich vielleicht wiederfinden und auch über sich schmunzeln können. Denn in Wahrheit ist alles halb so schlimm und doppelt so lustig. Nehmen Sie sich die Zeit zum Lesen.

Mama, was ist beeilen?

 „Nein, ich muss jetzt los und meine Tochter aus dem Kindergarten abholen. Ich kann den Abschluss nicht mehr zu Ende bringen. Mache ich morgen!“ teile ich meinem Chef ungehalten mit und verlasse das Büro. Immer diese Ansprüche. Kann er nicht Rücksicht nehmen? Warum hat der Kindergarten auch nur bis eins auf? Überall Hektik und Stress. Herrje, heute ist Mittwoch, da wird im Kindergarten nicht gekocht und ich habe nichts zum Kochen. Ich hole einfach eine Pizza auf dem Heimweg.

„Frau Lehrbach–Meynard, Sie sind schon wieder zu spät. Es ist schon fünf nach eins. Also so kann das nicht weitergehen. Ich muss Ihretwegen immer länger bleiben.“ Sie soll sich nicht so anstellen. Wenn die wüsste, was echter Stress ist. Mit Kindern spielen kann ja wohl nicht zum Erschöpfungssyndrom führen. Immerhin zahle ich den Höchstbeitrag, der muss auch erst verdient werden, und da werden fünf Minuten extra jawohl drin sein.

„Das tut mir wirklich leid. Sie wissen ja, die drei S: Stress auf der Arbeit, Stau auf der Straße und Schuldgefühle zuhause. Das kennen Sie doch sicher auch, oder? Kommt nicht wieder vor.“ Die kennt höchstens die drei S: spielen – spülen – saubermachen!

„Natürlich kenne ich Stress. Glauben Sie, das ist ein Spaziergang, dreißig Kinder zu betreuen? Sie wissen aber schon noch, dass die Kinder heute nicht warm gegessen haben, oder?“ Was glaubt die denn. Dass ich Tessie verhungern lasse? Dumme Pute. „Natürlich weiß ich das und sie bekommt sehr gesundes Essen. Frisch zubereitet“ „Mama, gibt’s heute wieder Pizza? Die mit Salami mag ich am liebsten!“ ruft Tessie, als sie auf mich zuliäuft. Na, toll. Wie steh ich denn jetzt da? „Geh schon mal ins Auto, Tessie. Du weißt ja schon, wie man sich anschnallt,    oder?“ Bei der Verabschiedung ist das triumphierende Lächeln der Kindergärtnerin nicht zu übersehen.

Warum muss ich mich eigentlich von einer Kindergärtnerin maßregeln lassen? Ich hab genug Stress. Eine Pizza wird ja wohl nicht zu Dauerschäden führen. Herrgott nochmal, ich kann nicht alle Ansprüche erfüllen. Wir berufstätige Mütter haben es nun mal doppelt schwer.

„Mama“.
„Maaaamaaa“.
„Was ist denn schon wieder, Tessie?“
„Ich hab Dich ganz doll lieb!“
Ich bin gerührt. Und habe Schuldgefühle. Warum bin ich nur so ungeduldig mit ihr?
„Ich Dich auch, mein Schatz. Und weißt Du was, heut’ gehen wir zusammen in den Zoo und schauen uns die Bären, Löwen und Giraffen an. Ja?“
„Au ja. Essen wir dann auch ein Eis? Ich glaub, ich hab Angst vor Bären. Die fressen Kinder auf.“
„Wie kommst Du denn darauf?“
„Das haben wir in einem Buch gelesen. Da wurde ein Mädchen mit einer roten Kappe vom Bären gefressen. Ich will nicht gefressen werden.“
Nein, Süße, das war das Märchen Rotkäppchen. Die wurde von einem Wolf gefressen.“
„Ich will auch nicht von einem Wolf gefressen werden.“
„Das wirst Du auch nicht. Ich passe auf Dich auf. Schau mal, dort ist die Pizzeria. Ich habe eine Pizza vorbestellt und muss sie nur schnell holen. Wartest Du im Auto?“

Zuhause angekommen. „Klettere schon mal auf Deinen Kinderstuhl. Ich packe die Pizza aus. Willst Du was trinken?“ Pizza schneiden, Kakao machen und für das gute Gewissen noch ein paar Scheiben Gurken dazu legen. Warum mach ich das? Um der Kindergärtnerin zu gefallen? Ob die Firma den Vertrag morgen unterschreibt? Sehr interessanter Kunde. Großer Auftrag.

„Mama, guck mal, was ich mit der Pizza machen kann.“
Wenn nur die Reincke mir nicht den Kunden wegnimmt. Die hat ja keine Kinder und kann den ganzen Tag arbeiten. Ob ich mal anrufe?
„Maamaaa, ich hab aus der Pizza eine Rolle gemacht.“
Im selben Moment fällt ihr die Pizza aus der Hand und landet auf meinem Rock.
Tessiiiiie, schau, was du gemacht hast. Kannst Du denn nicht aufpassen? Das Kostüm wollte ich morgen zur Präsentation anziehen.“
„Wääääääh“.
„Nun heul‘ nicht auch noch. Ich ziehe mich jetzt um und Du isst die Pizza zu Ende, okay? Und dann geht’s los in den Zoo. Zu den Bären und Löwen und Giraffen.“      

Im Zoo angekommen.                                                                                     „Mamaaa, ich kann schon alleine aussteigen.“
Tessie wuselt sich an mir vorbei, bleibt irgendwie hängen und landet unsanft auf dem Boden. Aufgeschürfte Knie.
„Wääääääh, das tut weh. Ich bluuute.“
„Ich hab Dir doch gesagt, Du sollst vorsichtig sein. Zeig mal, Süße. Schau, es ist nur ein kleiner Kratzer. Ich spüle es jetzt gaaanz vorsichtig etwas ab und dann schauen wir mal, ob es zu bluten aufhört. Und dann sehen wir uns die Löwen, Bären und Giraffen an. Wenn wir uns beeilen, können wir dabei zusehen, wie die Bären gefüttert werden.“                                                                               „Aber ich bluuuute. Das riechen die Bären und fressen mich.“ Nach zehn Minuten ist wieder alles geklärt. Die Schramme war nur klein und das Blut so gut wie nicht sichtbar. Trotzdem mussten zwei Pflaster her. Habe keine dabei. Nehme sie einfach aus dem Verbandkasten.                                                             „So, mein Schatz, wenn wir uns beeilen, sehen wir noch die Bärenfütterung.“
„Mama, was ist beeilen?“
Gute Frage irgendwie. „Nun, das heißt, dass wir schnell gehen müssen, weil in zehn Minuten die Fütterung anfängt, und wenn wir trödeln, dann ist es vorbei.“
„Was ist trödeln?“
Na, das kann ja ein Spaß werden. Wenn wir in dem Tempo weitermachen, dann kommen wir definitiv zu spät zur Fütterung. Auch das Löwengehege wird in einer halben Stunde geschlossen und wir sind immer noch auf dem Parkplatz.
„Nun, beeil Dich doch, Tessie.“
„Guck mal Mama. Ein Schmetterling. Der sieht aus wie der im Buch. Ganz gelb. Kann ich den fangen?“
Sie läuft hinter dem Schmetterling her. Die Bärenfütterung können wir uns abschminken. „Mama, ich brauch jetzt ein Eis.“
„Du brauchst ein Eis?“
„Ja. Du hast gesagt, wenn man sich bewegt, dann braucht man Kolarien!“
„Kolarien? Du meinst Kalorien. Aber doch nicht, wenn man sich nur so wenig bewegt. Du hattest doch grad Pizza.“
„Die ist schon weg aus meinem Bauch. Die fühl ich nicht mehr. Ich fühle jetzt, dass mein Bauch Eis will.“
„Ja, aber Du wolltest doch die Bärenfütterung sehen. Die verpassen wir, wenn wir erst Eis essen.“

Klar, wir essen doch erstmal ein Eis. Dann muss sie Hände waschen und auf die Toilette. Herrje, das Löwengehege ist auch gleich zu. Wir trotten zur Kasse. Nach 45 Minuten haben wir sie erreicht. Na bravo.
„Tessie, wo bist Du?“ Das kann doch nicht wahr sein. Sie ist zurückgegangen. Sitzt auf der Erde und spielt mit einem Hund.
„Was machst Du denn jetzt schon wieder? Die Bärenfütterung haben wir schon verpasst und gleich sind die Löwen auch weg.“
„Mama, die Sandy hat auch einen Hund. Ich will auch einen. Guck mal, wie lieb der ist.“
Ich krieg ’ne Krise. Da nehme ich mir Zeit, um ihr Bären, Löwen und Giraffen zu zeigen, und sie spielt mit dem Köter.

„Komm Tessie, Du weißt Du gar nicht, ob der Hund sauber ist. Vielleicht gehört er niemandem und ist voller Flöhe. Außerdem wolltest Du doch wenigstens die Löwen sehen, oder?“
„Mama, wenn der niemandem gehört, können wir den dann mitnehmen? Biiiiitte!“
Gott sei Dank kommt die Hundebesitzerin um die Ecke. Freundlich erklärt sie Tessie, dass es ihr Hund sei und sie ihn auch behalten wolle. Tessie gibt nach und es geht weiter, allerdings müssen wir noch einen kurzen Stopp bei einem Maikäfer einlegen, der auf dem Stein sitzt, den sie gerade hochheben will. Nachdem dieser ausgiebig begutachtet ist, geht‘s weiter. Endlich.

Sagen Sie mal, ist das Löwengehe noch offen?“, frage ich die Kassiererin?
„Nein, leider nicht. Und heute dürfen auch die Giraffen nicht mehr besichtig werden, da sie gestern eine Impfung erhalten haben und nun sehr empfindlich sind. Tut mir leid.“
„Tessie, wir fahren jetzt nach Hause.“ Genervt gehe ich zum Auto. Tessie kommt kaum mit. Warum ist es immer so schwierig mit ihr? Und so anstrengend? Ich glaub‘, ich tue mir selbst ziemlich leid und bin wütend. Auf meinen Mann, der ungestört arbeiten kann. Auf den Kindergarten, der dämliche Öffnungszeiten hat und irgendwie auch auf Tessie, die immer so trödeln muss. Ganz in meinen Gedanken versunken und über die Ungerechtigkeit der Welt hadernd, höre ich sie plötzlich sagen: „Mama, es war schön mit Dir im Zoo!“ Mir kommen die Tränen.

© Maria & Stephan Craemer

 

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